
In diesen Wochen hätte der Spadenteich ein Platz sein können: vier Wochen lang Sitzmöbel statt Stoßstangen, Pflanzkübel, Tischtennis und Außengastronomie – ein Sommerplatz mitten in St. Georg. Stattdessen parken dort Autos.
Wer verstehen will, warum, muss eine Geschichte über einen Ort erzählen, den eigentlich alle verändern wollen. Sie handelt von einem Konzept, das seit vier Jahren in einer Schublade liegt, von einem Winter, in dem wir nachfragten, von einem Frühjahr großer Einigkeit – und von einem einzigen Wort, mit dem diese Einigkeit endete.
Ein Platz, der keiner ist
Der Spadenteich liegt fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof, direkt an der Langen Reihe, dort, wo St. Georg am dichtesten lebt. Es gibt Cafés ringsum, eine Kirche am Rand, Wohnhäuser mit Blick auf – Blech. Wer hier wohnt, kennt den Spadenteich vor allem als Abkürzung zwischen parkenden Autos. Nur einmal zeigte er regelmäßig, was er sein könnte: Jahre lang stand hier zum Ramadan ein Zeltpavillon, fraktionsübergreifend unterstützt, gut besucht. Dann fuhren die Autos wieder vor.
Dabei ist längst beschlossen, dass das nicht so bleiben soll. 2018 gab die Bezirksversammlung einstimmig Konzepte in Auftrag, die St. Georg fußgängerfreundlicher machen sollen (Drs. 21-4257). Das Ergebnis liegt seit 2022 vor, erarbeitet mit umfangreicher Beteiligung der Menschen im Viertel – und wird beim Spadenteich deutlich: Maßnahme Nr. 56, „Herrichtung des Spadenteichs als attraktiven Stadtplatz“, weniger Parkplätze, Außengastronomie, Sitzgelegenheiten, die nichts kosten. „Vom Parkplatz zum Stadtplatz“ – die Überschrift stammt nicht von uns, sie steht so im Konzept.
Was auch im Konzept steht: Maßnahme 56 ist eine von 74. Kategorie langfristig, Priorität gering. Langfristig ist im Verwaltungsdeutsch eine Zeitangabe ohne Zeit. 2023 waren sich alle Fraktionen im zuständigen Ausschuss einig: umsetzen (Drs. 22-3600). Danach geschah, drei Jahre lang: nichts.
Vier bis sechs Wochen
Anfang 2026 haben wir nachgehakt. Sarah Veigel, Jacob Schoo und Nico Carstens – unsere Mitglieder der Bezirksversammlung – fragten offiziell beim Bezirksamt nach (Drs. 23-1289): Was ist aus Maßnahme 56 geworden? Gibt es Planungen, Geld, ausleihbare Stadtmöbel? Und was bräuchte es, um es einfach einmal auszuprobieren?
Die Antwort enthielt zwei Sätze, die diese Geschichte antreiben. Erstens: Es wurden noch keine Umsetzungsschritte eingeleitet. Zweitens: Die Genehmigungen, um den Platz vorübergehend anders zu nutzen, sind in der Regel innerhalb von vier bis sechs Wochen zu bekommen. Übersetzt: Vier Jahre lang stand der Idee nichts im Weg außer der Tatsache, dass niemand sie beantragt hatte.
Also raus. Ende Februar standen wir mit einem Infostand auf dem Parkplatz, der ein Platz werden soll. Es folgten Gespräche mit dem Einwohner*innenverein St. Georg, mit der Kirchengemeinde am Platz, mit Gastronomiebetrieben. Anwohner*innen schickten uns seitenweise eigene Ideen, vom Baumschnitt bis zur Lichtinstallation. Aus alldem wurde unser Konzept nach Göteborger Vorbild: Dort hat „Sommar på Grönsakstorget“ seit 2023 jeden Sommer einen Parkplatz in einen Stadtplatz verwandelt – mit mobilen Möbeln und Pflanzen, die danach dauerhaft eingepflanzt wurden. Der Versuch überzeugte so sehr, dass die Stadt 2025 beschloss, den Platz dauerhaft umzubauen – ganzjährig, ohne Parkplätze. Alles begann dort temporär und rückbaubar. Genau deshalb so schwer abzulehnen, dachten wir.
Der Frühling der Einigkeit
Im März kam Bewegung in die Sache – mehr, als wir geplant hatten. Am 19. März lag plötzlich ein gemeinsamer Antrag von SPD, GRÜNEN und FDP auf dem Tisch der Bezirksversammlung; wir schlossen uns an. Der Beschluss (Drs. 23-1535) fiel einstimmig: Für den Spadenteich soll ein Planungswettbewerb ausgelobt werden – Fachbüros entwerfen, wie aus dem Parkplatz ein klimaangepasster Stadtplatz wird, abgestimmt mit dem U5-Ausbau an der Langen Reihe. Ein guter Tag für den Platz. Nur: Ein Datum stand in dem Beschluss nicht. Ein Budget auch nicht. Und ein erster Schritt schon gar nicht.
„Der Beschluss benennt das richtige Ziel. Aber ein Ziel ohne Datum ist ein Vorsatz. Wir wollten, dass die Menschen in St. Georg schon in diesem Sommer erleben können, was ihr Platz kann.“
Sarah Veigel, Mitglied der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte
„Entbehrlich“
Deshalb haben wir im April beantragt, worum es in dieser Geschichte eigentlich geht: „Platz da! – Pilotversuch Sommerplatz Spadenteich 2026″ (Drs. 23-1617). Vier Wochen Sommerplatz im Juli und August, bis Oktober auswerten, was funktioniert, und die Menschen vor Ort von Anfang an einbeziehen. Das zweite Vorbild lieferte der eigene Bezirk: 2019 hatte die Bezirksversammlung das Rathausquartier drei Monate lang autofrei gemacht. Mehr als 800 Menschen wurden danach befragt, eine große Mehrheit sah positive Effekte, Gastronomiebetriebe meldeten teils deutliche Umsatzanstiege – 2024 wurde aus dem Versuch eine dauerhafte Fußgängerzone. Bezirkspolitik kann das: erst ausprobieren, dann entscheiden. Es gibt in Mitte einen bewiesenen Weg, wie aus Asphalt ein Ort wird.
Am 16. April erläuterte Sarah Veigel unseren Antrag in der Bezirksversammlung. Die Antwort aus der Koalition, so hält es das Sitzungsprotokoll fest, war ein einziger Gedanke: Es gebe ja bereits den Beschluss zum Spadenteich, der Antrag sei daher „entbehrlich“. Die Bezirksversammlung lehnte mehrheitlich ab; nur DIE LINKE und wir stimmten dafür.
Drei Wochen später teilte das Bezirksamt mit, was aus dem Beschluss wird, der unseren Pilotversuch entbehrlich gemacht hatte: Die Maßnahme wurde in den „Maßnahmenspeicher“ des Arbeitsprogramms Straßen aufgenommen. Priorisierung „zum geeignet erscheinenden Zeitpunkt“ (Drs. 23-1535.1). Ein Maßnahmenspeicher ist ein Ort, an dem Beschlüsse aufbewahrt werden. Wann etwas wieder herauskommt, sagt er nicht.
„Ein Antrag ist nicht entbehrlich, weil ein anderer ein ähnliches Ziel hat – er ist entbehrlich, wenn das Ziel erreicht ist. Der Spadenteich ist heute derselbe Parkplatz wie vor vier Jahren.“
Jacob Schoo, Co-Fraktionsvorsitzender der Volt-Fraktion Hamburg-Mitte
St. Georg ist bereit
Das ist der Stand dieser Geschichte: Die dauerhafte Umgestaltung ist einstimmig beschlossen und liegt ohne Zeitplan im Speicher. Der Versuch, sie erlebbar zu machen, wurde als überflüssig abgelehnt. Und die Einzigen, die weiter fragen, wann es losgeht, sind die Menschen, für die der Platz gedacht ist: der Verein, die Kirchengemeinde, die Wirtinnen und Wirte, die Anwohner*innen, die Umweltverbände. In Göteborg wird derweil der dauerhafte Umbau geplant.
Wir bleiben dran. Wir setzen uns dafür ein, dass der Planungswettbewerb nicht im Speicher liegen bleibt, sondern oben auf den Stapel kommt, dass die Beteiligung vor der Planung beginnt und nicht danach – und dass ein Pilotversuch für den Sommer 2027 so rechtzeitig auf den Weg kommt, dass ihn diesmal niemand für entbehrlich erklären kann, ohne zu sagen, wann es denn stattdessen losgeht. Die Verbündeten stehen bereit. Der Platz auch. Er steht da übrigens schon lange.
Du wohnst am Platz, führst dort ein Café oder willst einfach mit anpacken?
Schreib uns – wir bringen dich mit denen zusammen, die schon dabei sind.
Fußverkehrskonzepte beschlossen
Die Bezirksversammlung beschließt einstimmig Fußverkehrskonzepte für Mitte (Drs. 21-4257).
„Vom Parkplatz zum Stadtplatz“
Das Fußverkehrskonzept St. Georg hält als Maßnahme 56 fest: Der Spadenteich soll Stadtplatz werden.
Wir fragen nach
Unsere Anfrage: Was ist aus Maßnahme 56 geworden – und was bräuchte ein temporärer Sommerplatz (Drs. 23-1289)?
Einstimmig beschlossen
Die Bezirksversammlung beschließt die dauerhafte Umgestaltung in geänderter Fassung (Drs. 23-1535). · Beschluss
Pilotversuch abgelehnt
Die Mehrheit lehnt unseren vierwöchigen Sommerplatz als „entbehrlich“ ab (Drs. 23-1617). · Beschluss
Ab in den Maßnahmenspeicher
Das Bezirksamt legt den Beschluss ohne Zeitplan in den Maßnahmenspeicher (Drs. 23-1535.1). · Beschluss
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