
Eine schmale Fahrbahn, eine Spur in jede Richtung. Dazwischen Linienbusse, Radfahrende, Lieferverkehr und Kinder auf dem Weg zur Heinrich-Wolgast-Schule, die über die Greifswalder Straße an der Langen Reihe hängt. Auf dem Schild steht 50.
Dass dort 30 stehen soll, darüber sind sich St. Georg und der Bezirk seit zwei Jahren einig. Warum es trotzdem 50 sind, erzählt diese Geschichte: von einem Großvater, einem Brief der Polizei, einem Plan des Senats, der dem Brief widerspricht, und einem Recht, das schon bei der Ablehnung ein anderes war.
Der Großvater und das Vorbehaltsnetz
Die jüngste Runde begann mit einer Einschulung. Im September 2024 brachte ein Großvater einen Antrag in den Stadtteilbeirat St. Georg ein, weil sein Enkelkind an die Heinrich-Wolgast-Schule kam. Als seine eigenen Kinder dort in den 1990er Jahren zur Schule gingen, schreibt er, seien Anträge auf Tempo 30 abgewiesen worden, weil die Lange Reihe zum Vorbehaltsnetz mit Schnellbusverkehr gehöre. Einen Schnellbus gibt es dort heute nicht mehr. Und die Linienbusse, argumentiert er, halten in der Mitte der Straße an der Gurlittstraße und bremsen dafür ohnehin ab.
Der Beirat stimmte am 25. September 2024 einstimmig zu, 15 zu 0. Von den rund 50 Menschen im Saal war niemand dagegen, eine Person enthielt sich (Drs. 23-0175). Der Cityausschuss übernahm die Empfehlung im November einstimmig, die Bezirksversammlung bestätigte sie am 21. November. Schneller wird Bezirkspolitik selten einig.
Bis zur Schultür
Entscheiden kann der Bezirk das allerdings nicht. Tempo 30 ordnet in Hamburg die Straßenverkehrsbehörde bei der Polizei an, und deren Verkehrsdirektion antwortete am 18. Dezember 2024 (Drs. 23-0175.1). Die Unfallzahlen seien unauffällig, eine besondere Gefahrenlage gebe es nicht. Ohne Gefahrenlage sei Tempo 30 zwar im unmittelbaren Bereich einer Schule möglich. Dieser Bereich beschränke sich aber auf das Gebäude, nicht auf den Schulweg. In dieser Lesart endet der Schutz eines Kindes an der Schultür.
Auch Lärmschutz sei für die Lange Reihe nicht vorgesehen, sie gehöre nicht zu den lautesten Straßen der Stadt. Wer sich trotzdem beeinträchtigt fühle, könne als Anwohner*in selbst einen Antrag auf verkehrsbeschränkende Maßnahmen stellen. Gebührenpflichtig.
Beim Lärm lohnt ein Blick in die Pläne des Senats. Im Lärmaktionsplan, dritte Stufe, beschlossen im November 2021, steht die Lange Reihe zwischen Baumeisterstraße und Schmilinskystraße ausdrücklich auf der Liste, unter den Abschnitten, die nachts lauter sind als 60 dB(A). Dort soll ab 2024 nachts zwischen 22 und 6 Uhr Tempo 30 gelten, unter dem Vorbehalt der Finanzierung. Drei Jahre später schreibt die Verkehrsdirektion, Maßnahmen gegen Lärm seien auf der Langen Reihe nicht vorgesehen. Beides ist öffentlich nachzulesen.
Dass diese Liste zählt, zeigt ein Fall aus diesem Jahr. Im Mai stimmte der Cityausschuss einstimmig einer Bürgereingabe für Tempo 30 am Neuen Pferdemarkt zu (Drs. 23-1632.1). Die Verkehrsdirektion lehnte ab, weil die Straße die Kriterien für den Lärmaktionsplan nicht erfülle. Die Lange Reihe steht in diesem Plan.
Im Arbeitsspeicher
Wenn die Autos schon nicht langsamer fahren dürfen, dann sollen es wenigstens weniger werden. Das war die Idee, als SPD, GRÜNE und wir im Februar 2025 beantragten, den Durchgangsverkehr aus der Langen Reihe herauszuhalten, der morgens und abends die großen Ausfallstraßen umfährt (Drs. 23-0491). Geprüft werden sollten ein Umbau am Knoten Kirchenallee/Ernst-Merck-Straße und die Frage, ob die Lange Reihe Fahrradstraße werden kann. Die Bezirksversammlung stimmte in geänderter Fassung zu, gegen die Stimmen der CDU und bei Enthaltung der FDP-Gruppe.
Die Antworten kamen bis zum Sommer (Drs. 23-0491.1). Die Innenbehörde erklärte sich für nicht zuständig, die Verkehrsbehörde begrüßte den Beschluss. Das Bezirksamt hielt ein Abbiegeverbot baulich kaum für durchsetzbar und warnte vor Ausweichverkehr in den schmalen Querstraßen. Für eine gründliche Prüfung brauche es ein externes Ingenieurbüro, dafür fehle die Kapazität. Das Vorhaben kam in den sogenannten Arbeitsspeicher, aus dem der zuständige Ausschuss es wieder herausholen kann. Entlastung erwartet das Bezirksamt langfristig von der U5, die unter der Langen Reihe gebaut wird: Dann sollen weniger Buslinien durch die Straße fahren. In Betrieb gehen soll sie in den 2030er Jahren.
Das Recht war schon weiter
Die Ablehnung stützte sich auf eine Lesart, die schon bei ihrer Absendung nicht mehr zum Gesetz passte. Seit dem 11. Oktober 2024 nennt die Straßenverkehrs-Ordnung stark genutzte Schulwege ausdrücklich als eigenen Grund für Tempo 30, ohne dass erst eine besondere Gefahr nachgewiesen werden muss. Der Brief der Verkehrsdirektion kam zwei Monate später. Seitdem ist die Lage noch eindeutiger geworden. Im April 2025 folgte die Verwaltungsvorschrift des Bundes, im Januar 2026 zog Hamburg mit einer erweiterten Richtlinie nach. Neu aufgenommen sind Spielplätze und Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen. Und eine Schule, Kita oder Klinik muss nicht mehr direkt an der Straße liegen: Es kann reichen, dass sich der Verkehr zu ihr hin und von ihr weg auf dieser Straße bündelt und dort zu kritischen Situationen führt.
Im September 2025 legte der Stadtteilbeirat nach. Er bekräftigte die Empfehlung, wieder ohne Gegenstimme (16 zu 0, im Saal 66 zu 0 bei zwei Enthaltungen), und forderte den Bezirk auf, die Ablehnung der Polizei zurückzuweisen: Sie gebe die neue Straßenverkehrs-Ordnung falsch oder unvollständig wieder (Drs. 23-1103). Der Cityausschuss vertagte die Empfehlung im November 2025 einstimmig und schlug vor, zuerst die Polizei anzuhören.
Vortrag statt Beschluss
Die Polizei kam im Februar 2026. Laut Niederschrift trug das Polizeikommissariat 14 im Cityausschuss vor: Von der Feuerwehr gebe es bislang keine Beschwerden über die Durchfahrt. 85 Prozent der Fahrzeuge seien dort nicht schneller als 36 km/h gefahren, deshalb werde die Verkehrsdirektion Tempo 30 vermutlich nicht anordnen. Unfälle mit Radfahrenden seien nicht gesondert ausgewertet worden. Zuständig für Tempo 30 sei die Verkehrsdirektion. Der Ausschuss nahm den Vortrag zur Kenntnis. Einen Beschluss gab es nicht, und die Empfehlung des Beirats wurde seitdem nicht wieder beraten.
Die Polizei las die 36 km/h als Grund gegen Tempo 30. Man kann sie auch andersherum lesen: Wo ohnehin kaum jemand schneller fährt, kostet Tempo 30 kaum Zeit. Eine förmliche Prüfung nach den neuen Regeln gibt es nach unserer Kenntnis bis heute nicht.
Prüfen, beantragen, aufstellen vertagen
Deshalb haben wir im Juni 2026 beantragt, die Lange Reihe nach den neuen Regeln prüfen zu lassen (Drs. 23-1770). Die Verwaltung soll klären, ob die Voraussetzungen für Tempo 30 auf der ganzen Straße vorliegen, und zwar dauerhaft. Für Krankenhäuser und Pflegeheime sieht die Hamburger Richtlinie keine zeitliche Begrenzung vor, und beides gibt es hier: die Asklepios Klinik St. Georg und Pflegeheime in den Querstraßen. Einbezogen werden sollen außerdem der Schulweg zur Heinrich-Wolgast-Schule, die Kitas im Quartier, der Spielplatz im Lohmühlenpark und das nächtliche Tempo 30 aus dem Lärmaktionsplan. Reicht es nicht für die ganze Straße oder nicht rund um die Uhr, sollen die Abschnitte und Zeiten geprüft werden, die die Richtlinie hergibt. Fällt die Prüfung positiv aus, soll die Anordnung beantragt und die Beschilderung umgesetzt werden, und der Cityausschuss bekommt einen Bericht.
Am 16. Juni wurde der Antrag im Cityausschuss vertagt, am 8. September erneut. Vertagen heißt: Der Ausschuss entscheidet nicht, weder dafür noch dagegen, der Antrag wandert in eine spätere Sitzung. Das beschließt die Mehrheit im Ausschuss, und die stellt die Koalition aus SPD, GRÜNEN und FDP. Beide Male wollte sie das Thema erst untereinander klären. An der Verwaltung liegt es also nicht: Sie hat noch gar keinen Auftrag, weil es noch keinen Beschluss gibt. Seit der ersten Empfehlung des Stadtteilbeirats sind fast zwei Jahre vergangen.
Die Lange Reihe ist nicht die einzige Straße, um die es geht. Mit einem zweiten Antrag wollen wir erreichen, dass die zuständige Straßenverkehrsbehörde im Verkehrsausschuss erklärt, wie das neue Recht in Mitte umgesetzt wird und welche früher abgelehnten Tempo-30-Strecken und Zebrastreifen jetzt eine Chance haben (Drs. 23-1668). Auch diesen Antrag hat der Ausschuss bereits zweimal vertagt, zuletzt am 2. September.
„Der Stadtteilbeirat hat sich zweimal ohne Gegenstimme festgelegt für Tempo 30, die Menschen hier warten seit zwei Jahren auf eine Antwort. Wir sind für jede Ergänzung am Antrag offen. Was die Lange Reihe nicht braucht, ist eine weitere Runde ohne Ergebnis.“
Nico Carstens, Co-Vorsitzender der Volt Fraktion Hamburg-Mitte
Mehr als ein Schild
An einem Sommerabend sieht man, was die Lange Reihe sein kann: volle Tische vor den Cafés, Kinder auf dem Rad, Nachbar*innen, die sich auf dem Gehweg begegnen statt zwischen Lieferwagen. Sie ist das Wohnzimmer von St. Georg, keine Abkürzung für den Durchgangsverkehr.
Tempo 30 ist der erste, einfachste Schritt: keine Baustelle, kein Ingenieurbüro, ein paar Schilder. Danach kann mehr kommen. Die Prüfung einer Fahrradstraße ist beschlossen und liegt im Arbeitsspeicher, die U5 soll die Busse entlasten, der Spadenteich soll Stadtplatz werden. Am Rathausquartier hat Mitte gezeigt, wie aus einem Versuch eine autofreie Straße wird. Warum nicht auch hier?
St. Georg hat sich längst entschieden, zweimal ohne Gegenstimme. Seit zwei Jahren heißt die Antwort: später. Wir bleiben dran, bis das Schild hängt. Das Kind, dessen Einschulung alles ausgelöst hat, geht längst zur Schule. Auf dem Schild steht noch immer 50.
Du wohnst an der Langen Reihe oder bringst dein Kind über sie zur Schule?
Schreib uns, wo es für dich eng wird.
Nachts Tempo 30, schon lange geplant
Der Senat nimmt die Lange Reihe zwischen Baumeisterstraße und Schmilinskystraße in den Lärmaktionsplan auf: nachts Tempo 30.
Der Stadtteil will Tempo 30
Der Stadtteilbeirat St. Georg empfiehlt einstimmig Tempo 30 für die gesamte Lange Reihe (Drs. 23-0175).
Neues Recht für Schulwege
Die geänderte Straßenverkehrs-Ordnung tritt in Kraft. Stark genutzte Schulwege sind jetzt ein eigener Grund für Tempo 30.
Der Bezirk schließt sich an
Nach dem Cityausschuss beschließt auch die Bezirksversammlung die Empfehlung unverändert (Drs. 23-0175). · Beschluss
Nein aus der Verkehrsdirektion
Die Verkehrsdirektion lehnt ab: keine besondere Gefahrenlage, der Schutz reiche nur bis zum Schulgebäude (Drs. 23-0175.1).
Plan B: weniger Durchgangsverkehr
Die Bezirksversammlung beschließt unseren Antrag mit SPD und GRÜNEN in geänderter Fassung (Drs. 23-0491). Das Bezirksamt legt ihn später in den Arbeitsspeicher (Drs. 23-0491.1).
Der Beirat hakt nach
Der Stadtteilbeirat bekräftigt seine Empfehlung, wieder ohne Gegenstimme (Drs. 23-1103).
Vertagt, die Polizei soll kommen
Der Cityausschuss vertagt die Empfehlung einstimmig und will zuerst die Polizei hören (Drs. 23-1103).
Hamburg zieht nach
Nach der Verwaltungsvorschrift des Bundes erlässt Hamburg seine erweiterte Richtlinie für Tempo 30 vor Schulen, Kitas, Kliniken, Pflegeheimen und Spielplätzen.
Die Polizei im Ausschuss
Das Polizeikommissariat 14 trägt im Cityausschuss vor. Der Ausschuss nimmt Kenntnis, ein Beschluss fällt nicht.
Unser Antrag: neues Recht anwenden
Wir beantragen, die Lange Reihe nach den neuen Regeln prüfen zu lassen. Der Cityausschuss vertagt (Drs. 23-1770).
Zum Nachlesen
- Drs. 23-1770: Unser Antrag: Tempo 30 auf der Langen Reihe, neue Rechtslage anwenden (16.06.2026)
- Drs. 23-1632.1: Cityausschuss für Tempo 30 am Neuen Pferdemarkt (19.05.2026)
- Drs. 23-1668: Unser Antrag: Tempo 30 und Zebrastreifen, neue Rechtslage (29.04.2026)
- Hamburger Richtlinie „Tempo 30 vor sensiblen Einrichtungen“ (22.01.2026, PDF)
- Drs. 23-1103: Der Stadtteilbeirat bekräftigt seine Empfehlung (24.09.2025)
- Drs. 23-0491.1: Antworten von Innenbehörde, Verkehrsbehörde und Bezirksamt (16.06.2025)
- Drs. 23-0491: Lange Reihe vom Durchgangsverkehr entlasten, Antrag von SPD, GRÜNEN und uns (13.02.2025)
- Drs. 23-0175.1: Stellungnahme der Verkehrsdirektion (18.12.2024)
- Drs. 23-0175: Empfehlung des Stadtteilbeirats St. Georg für Tempo 30 (25.09.2024)
- Lärmaktionsplan Hamburg, dritte Stufe (Senatsbeschluss 23.11.2021, PDF)
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